Dieser Blog soll hier enden.
Der Winter kommt bald, die Temperatur lädt Schnee ein und ich werde noch lange hier sein. Vieles ist beschreibenswert. Aber fühle ich mich danach, nicht daran zu denken, wie ich etwas so in dem Blog darstellen könnte, dass es halbwegs der Wirklichkeit gerecht wird und gleichzeitig der relativen Öffentlichkeit des Blogs Rechnung trägt. In diesem Sinne ist der Eintrag direkt hierunter an der Grenze dessen, was ich finde, das man öffentlich von sich geben sollte. Genauso ist es mit privaten Dingen. Außerdem tauche ich mit jedem Moment, den ich mich nicht mit der deutschen Sprache beschäftige, mehr ins Russland ein. Und das macht den Aufenthalt hier noch schöner.
Es freut mich, dass ihr meinen Blog – einen Herbst in Russland, wirklich – verfolgt habt! Das hat mir Laune gemacht, den jeweils nächsten Eintrag zu schreiben. Auf Wiederlesen.
Ausklang
October 25, 2009 by gregorsemUnsicherheit
October 24, 2009 by gregorsema) Vor ein paar Wochen habe ich vergessen, ausgeliehene Bücher rechtzeitig abzugeben. Schnell muss man hohe Gebühren bezahlen. Als ich meinen Verzug bemerkte, rief ich in der Bibliothek an und versprach, ich werde die Bücher gleich zurückbringen. Am Telefon motzte mich die Bibliothekarin so richtig an. Und dass ich das ja wohl bitteschön bezahlen müsste (ca. 7 € für zwei Bücher drei Tage vergessen) und was ich mir überhaupt denke. Als ich in der Bibliothek den Betrag begleichen wollte sagte mir eine sichtlich freundlichere Bibliothekarin (die gleiche), aber nächstes Mal werde ich wirklich bezahlen müssen, schließlich versuche man, den Studenten Disziplin beizubringen.
b) Am 11. Oktober waren in Russland Wahlen für viele Stadtparlamente, darunter Moskau. Die Partei Vereintes Russland, deren Vorsitzender Wladimir Putin ist, ergatterte im Moskauer Stadtrat 32 von 35 Sitzen. Die Berichte von Wahlbetrug waren zahlreich: Wahlbeteiligung in einigen Wahllokalen von 100%, obwohl durchschnittliche Wahlbeteiligung nur bei 30% lag. Unterschlagung von Stimmen von Gegenparteien; der Chef der Liberaldemokraten hatte seine Stimme in einem Lokal abgegeben, in dem nach der Auszählung genau null Stimmen für seine Partei registriert wurden. Etliche Kandidaten wurden wegen angeblicher Formfehler beim Erstellen eines Antrags auf Kandidatur von den Wahlen von vorneherein ausgeschlossen.
c) Mein neues Visum sollte ich Ende September erhalten, weil das alte zu dem Zeitpunkt endete. Ich musste mich aber bis zwei Wochen in den Oktober hinein gedulden – und visumslos durch Moskau tigern. Dadurch fiel eine Reise in die Ukraine ins Wasser.
Diese Beispiele könnten fortgeführt werden mit Lohnausfällen, kurzfristigen Visaabsagen und weiteren nur kuriosen, für den einzelnen sogar positiven, siehe Bücherausleihe, oder aber grausamen Vorfällen.
Den Beispielkatalog systematisierte ein Bekannter, dem ich für seine scharfe Analyse russischer Innenpolitik dankbar bin, für mich folgendermaßen: in Russland herrscht im öffentlichen Leben Unsicherheit.
Unsicherheit, die so vieles hemmt, verhindert, verlangsamt, die Vertrauen abnutzt, die Vertrauen verschleudert, die Misstrauen erschafft und nährt. Die Lebensqualität zerstört. Das ist schade und das ist das, was mir hier nicht gefällt.
Stau
October 8, 2009 by gregorsemWenn in ein System soviele Elemente eingefügt werden, dass es vollständig und überaus dicht gefüllt ist und es dann geschlossen wird, dann bewegt sich nichts mehr. (Physiker oder Ingenieure mögen das jetzt korrigieren). Moskaus Straßennetz gleicht einem solchen System jeden Spätnachmittag. Ich frage mich, ob nicht tatsächlich einfach auf den Ringstraßen so viele Autos stehen, dass die “ersten” direkt hinter den “letzten” stehen und somit ein Fortkommen erst möglich wird, wenn die ersten verzweifeln und schon vor ihrer gewünschten Abfahrt abbiegen.
Wer gerne schadenfroh ist oder schnell vorankommen möchte, der geht in Moskau zu Fuß und benutzt die Metro. Das hat zwar den Nachteil, dass man manchmal nass wird und die Wegstrecken mitunter lang sind, aber man kommt wenigstens an. In Vororten verstehe ich schon besser, dass jemand Auto fährt. Aber in der Innenstadt…
Das hat übrigens noch den Vorteil, dass man die weiter unten mal als gefährlich beschriebenen Straßen zu dieser Nachmittagszeit gefahrlos überqueren kann; natürlich dabei vermeiden, Mercedessterne von den stehenden Autos, zwischen denen man sich durchschlängelt, abzubrechen.
P.S.: Wer sich noch schnell über meine ungebührlich positive Sicht auf manche Dinge mokieren möchte, der tue das jetzt. Ich kündige hiermit den Desillusionierungsartikel an. Den muss ich noch schreiben, aber er kommt.
Festival
October 4, 2009 by gregorsemIch glaube, ich muss mein Verhältnis zu Kälte überdenken. Gestern früh bin ich zu einem Festival in den Wald aufgebrochen, etwa 150 Kilometer von Moskau entfernt. Das Festival war wunderbar, die Musik gut, die Leute lachten, tanzten und stellten eine überhaupt nicht repräsentative Auswahl von Moskauer Bürgern dar. Unter anderem wurde ukrainische Volksmusik mit Schlagzeug und E-Gitarre interpretiert. Ich war mit einer Gruppe von Studenten da, die ich irgendwie über Cafébesuche und ein paar Ecken kennengelernt hatte. Wir brieten Würstchen überm Feuer, aufgespießt auf selbstgeschnitzten Spießen. Die Natur war so schön. Kein Geräusch, wenn man weit genug von der Bühne entfernt war. Und das so nah (5 Stunden Reise mit Nahverkehrsmitteln) an Moskau.
Aber es war kalt. Ich trug zwei Fleece-Pullover und einen Wollpullover unter meiner Sommerjacke. Damit ließ sich die Nacht durchstehen. Aber zum Schlafen in meinem nicht sehr warmen Schlafsack war es einfach zu kalt. So wird man zum eisenharten Nachtdurchmacher. Bzw. fährt einfach mit dem Frühmorgensbus zurück nach Moskau, statt auszuschlafen. Im Bus ist es wenigstens warm.
Was mich wirklich zum Schreiben des ersten Satzes dieses Beitrags verleitete war aber vielmehr die Leichtigkeit, mit der die Russen die Kälte abtaten. Boah. Die saßen in kurzen Hosen und mit hochgekrempelten Ärmeln rum, als ich gerade meine Kapuze über die Mütze zog. Wenn ich noch ein paar Tage in der Natur verbringen will, sollte ich mir vorher wirklich mal beibringen, dass Null Grad Celsius einfach noch nicht kalt ist.
Beobachtungen Klappe die X-te
October 4, 2009 by gregorsemDie letzten Tage hat es viel geregnet. Die Straßen werden schnell überschwemmt, denn die Regenrinnen – zumindest in der Innenstadt – enden einen halben Meter über der Straße und gießen das wertvolle Wasser auf den Bürgersteig. Viele Regenrinnen sind aber auch verstopft und das Wasser fliegt aus der Regenrinne in einem abenteuerlichen Bogen auf die Straße, desto krummer, je stärker der Wind weht; wie ein Wasserfall.
Der starke Wind erzeugt übrigens ein Pfeifen durch den Spalt unserer Balkontür. Klingt gar nicht schlecht. Beim Einschlafen hat es bisher noch nicht gestört.
Die Temperaturen fallen jetzt nachts unter Null. Letztes Jahr war ein außergewöhnlich milder Winter, vielleicht kommt dieses Jahr das Gegenteil.
In Moskau habe ich noch keine Schlangengurke gesehen. Dafür sind die Gewürzgurken allgegenwärtig. Allerdings ohne Gewürz. Man isst sie einfach so, wie in Deutschland eben Schlangengurken. Jedoch hat mir kürzlich ein russischer Mitbewohner aus dem Wohnheim seinen Gewürzgurkenautomaten gezeigt. Es handelt sich um ein Glas voller Essig und Gewürze. Man legt eine Gurke hinein und nach einiger Zeit (weiß leider nicht wie lange) kann man sie als Gewürzgurke genießen. Er meinte, diese Prozedur kann man sehr oft wiederholen. Ein Automat.
Warum eigentlich über Russland meckern?
September 28, 2009 by gregorsemTage gehen ins Land. Es wird kälter. Die Balkontür in unserem (wir wohnen zu zweit) Wohnheimzimmer schließt nicht ganz. Sobald die Zentralheizung angeworfen wird, dürfte das egal sein. Bis dahin könnten die Nächte kalt werden. Die Zentralheizung für Moskau ist angeblich so heiß, dass es völlig egal ist, wie kalt es draußen ist, denn drinnen ist es ziemlich heiß. Welch eine Energieverschwendung.
So könnte eine Generalabrechnung mit den Sünden des der Fläche sowie der Gasreserven nach größten Staats der Welt beginnen. Es fällt mir auf, dass Menschen, die im politischen Westen leben oder von dort stammen, des Öfteren recht allgemein über die Unzulänglichkeiten Russlands schimpfen. Es gibt auch reichlich Material, um dies zu tun, dazu noch einige Kräfte in diesem Land, die so tun, als existierte dieses Material gar nicht.
Ein kürzlich gefasster Gedanke lässt mich diese generalabrechnungsähnlichen Tiraden kritisch beäugen: Was, wenn man betrachtet, wo Russland eigentlich gestartet ist vor 18 Jahren? Was, wenn man das aufzählt, was sich geändert hat und sich vor Augen hält, dass einiges einfach lange braucht, um sich zu ändern?
Könnte man dann zu einem positiveren Ergebnis kommen, weil man dann herausfinden würde, dass bereits vieles viel besser (in welchem Sinne auch immer) als vor 18 oder 50 Jahren ist? Ein kleines Beispiel: heutzutage laufen auf Moskaus Straßen eine ganze Menge Leute herum, die so ganz grob als „alternativ“ über einen Kamm zu scheren sind. Heutzutage kann ich als Ausländer einreisen und ohne Angst davor, dass ein KGB-Mann meinen Pass zerreißt, hier leben und auch so ein bisschen außer der Reihe durch die Stadt rennen. Ich empfehle den russisch-französisch Film „Ost-West“ bzw. „Восток-Запад“, um einen ganz unangenehmen Eindruck davon zu bekommen, welche Einschränkungen an Lebensqualität viele Menschen hier in Zeiten der Sowjetunion erdulden mussten. Gemessen daran, ist jetzt einiges ganz schön gut. (Und das Gesagte, fällt mir gerade auf, rechtfertigt bis auf die größere Geduld im Warten auf Änderungen trotzdem nicht sehr gut die Überbeheizung).
P.S.: Heute habe ich einen unfreundlichen Menschen kennengelernt. Der Wachmensch in der Bibliothek. Alter, dessen Hauptaufgabe scheint darin zu bestehen, dafür zu sorgen, dass man auch auf jeden Fall nicht dazu kommt, sinnvoll in der Bibliothek zu studieren. So ein Blödsinn. Wenn sich Leute manchmal fragen würden, warum sie eine bestimmte Tätigkeit eigentlich tun (also zum Beispiel, um den Bildungsprozess von Studenten zu unterstützen), könnten einige Dinge ganz harmonisch sein und gute Laune erzeugen.
Wenn; könnten (irrealis).
Verallgemeinerungen erster Eindrücke
September 20, 2009 by gregorsemDen Großteil des Wochenendes mit Studenten verbracht, die das Privileg genießen, weder im Wohnheim (billig) noch bei ihren Eltern (weil die ebenfalls in Moskau leben) wohnen zu müssen. Was nicht heißt, dass sie reich sind. Mieten in Moskau klettern allerdings gerne auf 400 Euro für ein kleines Wohnungchen, das im Einzugsgebiet der U-Bahn (Metro) liegt. Bei Monatsgehältern, die für erfahrene Ärzte laut mündlicher Quelle bei 1000 Euro bei derzeitigem Wechselkurs liegen, ist das ein Happen Geld. Grund genug, sich eine solche Wohnung zu kaufen. Und dann für immer an sie und die abzubezahlenden Schulden gefesselt zu sein. Oder davon zu träumen, im „Business“ schnell viel Geld zu machen. Was wiederum am besten geht, wenn man sich nicht zu streng an Gesetze hält. Irgendwo kommt da der Begriff Mafia und Schwarzmarkt ins Spiel. Und die ganzen teuren Autos in der Innenstadt. Wobei diese Kausalkette mal wieder nicht nur für Russland gilt.
Zurück zu den Studenten. Ganz wunderbare Typen. Viel gelacht, gealbert, Russisch geredet. Ich habe ein Händchen dafür, Worte so falsch auszusprechen, dass sie im Russischen einem obszönen Begriff ähneln. Naja.
Bei Gesprächen mit Studenten und Nichtstudenten, in denen meine Herkunft sowie mein Wortschatz oft auslösen, dass darüber gesprochen wird, wo man denn schon einmal war und warum ich nach Russland gekommen sei, tritt zweierlei zu Tage. Erstens ein Unverständnis darüber, dass jemand aus dem sogenannten Westen nach Russland will oder die russischen Sprache lernen will. Letztere wird auch immer wieder gelobt als eine Sprache mit sehr reichem Wortschatz. Denn für fast alles gibt es immer gleich 3 Wörter, was dem deutschen Novizen nicht immer hilft. Aber es existiert ein sehr positives Bild vom westlichen Ausland im Sinne von Lebensbedingungen sowie eine zynische Akzeptanz der Unvermeidlichkeit der eigenen vermeintlichen nicht so guten Lebensumstände. Oft wird diese Akzeptanz überwunden von einem Wunsch aus dem Land zu fliehen. Ich habe noch niemanden getroffen, der etwas im Land ändern will, statt dorthin zu gehen, wo diese Änderung womöglich schon stattgefunden hat. Das Verhalten von Regierung und Konsorten machen den Besitz dieser Ideen auch reichlich unattraktiv. Sogar die reichsten Geschäftsleute Russlands wurden ja von der Regierung dazu angehalten, sich bitteschön aus der Politik rauszuhalten. Für diejenigen, die sich nicht daran gehalten haben, dient Herr Chodorkowski (ehemaliger Chef von Yukos) als aussagekräftiges Beispiel, was das für Konsequenzen haben kann. Hierzu können übrigens die Neo-Gramscianer sagen, dass die Revolution sowieso am unteren Ende der Gesellschaft beginnen muss und die Oligarchen bereits zur herrschenden Klasse gehören, also als Anstifter nicht taugen. Aber vielleicht ist die Theorie auch interessanterweise auf das gegenwärtige Russland nicht ohne Modifikationen anwendbar.
Zweitens existiert mehr oder weniger versteckter Neid darüber, dass ich so in der Welt herumkommen kann. Und meine Gesprächspartner noch nicht mal Russland viel bereist haben. Ein Mann erzählte mir ganz enthusiastisch, er sei mal nach Riga (Lettland) gereist. Das sei eine ganz wunderbare Reise gewesen und ich müsse unbedingt diese Stadt mit der ganz anderen Atmosphäre als der Moskaus kennenlernen. Dagegen steht ein Kommentar eines Westeuropäers, er sei mal in Riga gewesen und da sei einfach alles so klein und nichts los, da habe er sich nach ein paar Tagen gelangweilt. Ob dieser Neid sich in Abneigung mir gegenüber äußert, kann ich noch nicht einschätzen bzw. ist es mir noch nicht aufgefallen. Aber das könnte daran liegen, dass ich tendenziell mit den Leuten zu tun habe, die sich gerne mit mir (lies Ausländern) beschäftigen. Und deswegen ebenso tendenziell wenig Abneigung gegen gerade solche Leute in sich tragen.
Der Titel deutet bereits an, dass ich hier schnell verallgemeinere. Aber weil wir sowieso alle unsere Welt auf sehr eigene Weise erleben und noch nicht mal die Tagesschau die Wahrheit gepachtet hat, habe ich darauf verzichtet, jeden Satz in den vorangegangenen Paragraphen mit „möglicherweise“ zu spicken.
Ansonsten noch einem Eishockeyspiel beigewohnt und ein Theater angeschaut, das „Einer flog übers Kuckucksnest“ auf Russisch darstellte. Dieses szenenweise sehr lustige, insgesamt aber todtraurige Stück wurde für mich zum besonderen Erlebnis, weil ich so wenig verstand und darum intensiv auf die Gestik und Mimik der Schauspieler achtete. An diesen Kriterien gemessen beherrschten sie ihr Fach meisterlich. So viel Ausdruck ohne Worte!
Boxen und Beobachtungen, meistens zu Ikea (14 Sep)
September 15, 2009 by gregorsemHeute war ich beim Boxtraining. Ganz spontan. Wollte einige Dinge erledigen, wurde durch unerwartete bürokratische Hürden verzögert, so dass ich im Kraftraum der Uni nicht mehr genug Zeit hatte, mich auszutoben. Denn der Kraftraum machte schon bald zu. Der ist übrigens richtig gut. Ein Teil der Uni, auch der Kraftraum, befindet sich in einem alten militärischen Bau. In dem Raum haben schon sowjetische Soldaten geschwitzt. Die Geräte sind aber alle recht neu, außer den Stangen, die allenthalben rumhängen, noch aus Breshnev’s Zeiten sind und sich hervorragend zum Hangeln eignen.
Also. Ich ging nur halb angestrengt aus dem Raum und traf den Trainer vom Boxen, der mich gleich einlud, mitzumachen. Gesagt, getan. In einem alten, mit Beton ausgekleideten Schießraum machten wir Liegestützen auf Knöcheln, sprangen Seil und mir wurde danach erklärt wie man beim Boxen steht, wie man seinen Körper beim Schlagen dreht und so weiter. Interessant.
Das Training war hart, hatte lange nicht mehr so viel Hunger.
So stelle ich mir Russland vor: karge Räume, Boxhandschuhe, brüllende Trainer und einen Schlag gegen die Brust. (Ich hoffe, meine Rippe ist nicht gebrochen). Sportliche Männer, die so richtig hart drauf sind. Einer der Boxer studiert übrigens Philosophie und erzählte mir, Platon sei auch sehr sportlich gewesen.
Jetzt noch ein paar Beobachtungen:
Die Metro, genauer: ihre Rolltreppe, ist einer der wenigen Orte, wo Platz ausgenutzt wird. Meistens sind Orte, an denen sich Menschen bewegen so angelegt, dass man immer noch einen Meter Platz zwischen sich und dem Mitmenschen halten kann, z.B. Bussitze, die mit jeder Busgeneration weniger werden, z.B. Bürgersteige. Bloß sich nicht nahe kommen. Auf der Metrorolltreppe dagegen ist nur so viel Platz, dass man rechts stehen kann oder sich links an den Stehenden vorbeischieben kann. So gerade eben. Aber es reicht.
Gestern bei Ikea gewesen. Russland importiert allerhand Güter. Beispielsweise sind die Notrufanlagen in Metrostationen aus Deutschland, ebenso die Gemüsehobel, einige Kühlschränke. Deos kommen von Procter & Gamble, das Shampooregal im Supermarkt könnte in Deutschland oder Frankreich stehen. Hier macht sich Russlands Konzentration auf die Förderung von Rohstoffen, vor allem Erdgas und – öl bemerkbar. Russland hat seine Produktion nicht diversifiziert, sagen Ökonomen. In Deutschland merkt man nicht, dass die Heizung mit Öl aus Russland (meist aus XX) beliefert wird. In Russland eben schon, dass in Deutschland allseits beliebte Maschinen hergestellt werden.
In einem solchen Supermarkt habe ich im Übrigen die Bestätigung erhalten, dass Russland im Kapitalismus angekommen ist. So viel Konsum. Volle Einkaufswagen, Waren auf den Kassenfließbändern aufgetürmt. Es verwundert, dass bei soviel Verwertung von Stoffen der Natur bisher erst so wenig Umweltverschmutzung und Umweltverschmutzung passiert ist, dass wir noch leben können. Wobei Russland dazu wahrscheinlich nicht durch seine kürzlich enstandenen Supermärkte (Metro, also der Großhändler, ist hier ganz groß – wie in Indien auch) beigetragen hat, sondern eher durch verrottenden Atomschrott östlich des Urals.
Letzter Ikeabeitrag: alle sind hier von Ikea (und Metro) ganz angetan. Ist ja auch viel besser, als in vielen kleinen Läden das richtige suchen zu müssen und dann noch mehr dafür zu bezahlen. Diese Möbel- und Lebensmittelläden gehen bestimmt nicht pleite. Wäre ich ein Mensch an der Börse (welch eine Bezeichnung), würde ich Leuten, die für ihre Rente sparen, empfehlen, in Metro oder Ikea zu investieren. Aber ich bin kein Mensch an der Börse.
Der Teppich als Spiegelbild einer Gesellschaft
September 9, 2009 by gregorsemDefiniere Gerechtigkeit.
Eine Gesellschaft ist wie ein Teppich. Ein sehr großer Teppich, in dem die Fläche relativ viel größer als der Rand ist. Weil die Fläche ja quadratisch zunimmt und die Länge des Randes nur linear. In der Mitte des Teppichs befinden sich schöne Stickereien, Muster, vielleicht ist sogar Gold eingewirkt. Doch der Rand des Teppichs ist ausgefranst, die Fäden sind dreckig, brüchig, manche fallen ab.
Die Moskauer Gesellschaft entspricht diesem Teppich nicht nur vom Sinn her, sondern sogar fast topographisch. Das Zentrum der Stadt ist eine schöne Gegend. Dort sonnt sich der Geldadel neben den mit Macht bewehrten Staatsdienern. Der Rand ist nicht schön, hier sonnt sich nur, wer nichts im Zentrum zu suchen hat. Zwischen Rand und Mitte gibt es eine weite Fläche von Hochhäusern, mit breiten Straßen dazwischen, Supermärkten. Schlafstädte. Und jetzt bekommt das „fast“ im Satz mit der Topographie seine Bedeutung: im ganzen Stadtgebiet stehen, liegen, sitzen Bettler. Hier endet die Teppichmetapher, denn laut Teppich müssten sich diese Menschen ja am äußersten Rand befinden. Aber sie sind tagsüber da, wo Leute möglicherweise Geld geben. Manche singen, manche bekreuzigen sich ständig, manche laufen durch U-Bahn-Wagons und erzählen ihre Leidensgeschichten, die ich bisher noch nicht verstehe. Wo sie nachts sind, weiß ich (noch) nicht. Die Metrotunnels zum Beispiel sind beheizt.
Schau diesen Leuten in die Augen. Wann haben sie sich gesagt: okay, es reicht nicht, heute muss ich zum ersten Mal betteln gehen. Wann? Und wie war dieser Entschluss für sie? War es ein plötzlicher Verstoß gegen ihren Ehrenkodex? Oder ein langsamer Prozess an dessen Ende keine Hürde mehr stand sondern die logische Konsequenz: heute mache ich genau das, was ich früher immer nur aus den Augenwinkeln betrachtet und danach schnell wieder vergessen habe. Was würde ich fühlen? Wenn ich zu diesem Rand gehörte. Wie gesagt, er muss klein genug sein, denn wenn zu viele Leute am Rand leben würden, dreckig, abgebrochen, dann könnten Stimmen laut werden, die fordern, der Teppich müsse umgeknüpft werden oder zumindest die Ränder geflickt werden. Reform, Revolution. Aber die Ränder in vielen Gesellschaften sind klein genug. Übrigens waren Mammuts ja angeblich so groß, weil dann das Verhältnis Volumen zu Oberfläche in der Eiszeit gut für die Speicherung der Körperwärme war. Kubik wächst schneller als Quadrat. Da kann der Teppich nicht mehr mithalten. Aber es gab doch auch immer Mäuse und Ratten.
Zurück zu Moskau und Gesellschaften (das Gesagte gilt wahrscheinlich für viele große Städte dieser Welt sowie in abgewandelter Form für ganze Länder, wo aber meist mehr als eine goldgewirkte Mitte existiert). Es gibt nämlich noch ein Phänomen, das der Teppich nicht abbilden kann. Alles strebt zur Mitte. Die Schlafstädte sind ja nur zum Schlafen da. Morgens ist Stau Richtung Innenstadt. Abends in die andere Richtung. Kann ich aus meinem Fenster im 10. Obergeschoss beobachten. Man müsste die Straßenmarkierungen ändern können, so dass morgens mehr Spuren in die Stadt führen, abends mehr in die Peripherie. Peripherie ist übrigens ein vielbenutztes Wort in den Nicht-Mainstream-Theorien in den Internationalen Beziehungen. Und beim Wüstenplanet von Frank Herbert. Da haben sich die geehrten Mater entwickelt und die haben ja auch etwas revolutioniert (5. Buch).
In den Metros haben sie die Spurenverlegung schon gelernt: Es gibt meistens drei oder vier Rolltreppen, die zur Metro führen (und manchmal 100 Meter lang sind!!) und ich habe schon erlebt, dass 3 hinab führten und nur eine hinauf beförderte. In den Metros fahren auch eher die Leute, die mir in der Innenstadt auffallen. Meine Uni liegt in der Innenstadt, darum bin ich da jeden Tag. Ich sehe dort viele Leute, die in Etablissements arbeiten, deren Preise sie überhaupt nicht bezahlen könnten, wären sie dort Kunden. Restaurants, Schuhläden, Kücheneinrichtungen, Geschirr (Villeroy & Boch) etc. Auch in Deutschland kann sich nicht jeder Autoverkäufer den Mercedes leisten, den er Tag für Tag verkauft. Aber hier habe ich das Gefühl, es fährt eine ganze Million Menschen in die Innenstadt, um Dienstleistungen zu erbringen, die für sie völlig unerschwinglich sind. Arbeit für eine Sphäre, der man nicht angehört und nie angehören wird. Das fühlt sich nicht gut an.
Zuletzt: in meinem Zimmer im Wohnheim liegt übrigens kein Teppich, sondern echtes Parkett. Das knarzt. Aber noch viel mehr hat es im Flur von der großen Moskauer Uni (MGU, über die ich schon vorher geschrieben habe, siehe „Mal schreiben, was wirklich geht“) geknarzt. Da konnte man die Dielen einfach so mit den Fingern rausheben. Habe ich ausprobiert. Und wenn da Frauen mit ihren obligatorischen Stöckelschuhen rüberlaufen dann knallt das richtig. Ich will zwar noch ausführlicher dazu schreiben, aber momentan nur das: mein Erstaunen über die schön hergemachten Frauen ist inzwischen einer Bestürzung über die negativen Gründe und Implikationen ihres Kleidungsstils gewichen.
1. Implikationen: immer hochhackige Schuhe tragen verkürzt die Unterschenkelmuskel, außerdem haben vielen Frauen totale Schmerzen und Blasen, andauernd sehe ich Frauen sich hinsetzen und Pflaster aus ihren Taschen holen und ihre Füße behandeln. Wie unangenehm und unnötig. Zu Karneval bin ich mal als Frau gegangen und das Stöckelschuhlaufen fand ich für den einen Tag nicht so schlimm. Aber den kurzen Rock wohl. Man (frau) kann sich ja zum Beispiel nie bequem hinsetzen. Immer müssen die Beine zusammen sein, damit die Männer nicht anfangen ihre Köpfe zu verrenken, um möglichst weit die Oberschenkel hinan zu gucken.
2. Gründe: Frauen sind bitteschön schön, damit sie auch ein toller Mann heiratet und dann haben sie sich ihrem Gatten immer zu fügen und sollen bitte abhängig von ihm sein. Davon ist doch dieser Kleidungsstil, der so wenig Freiheit erlaubt doch ein Abbild. Oder übertreibe ich? Natürlich ist ein Mensch auch Kind seiner Gesellschaft (seines Teppichs?). Eine Russin, der ich gesagt hatte, dass ich es ziemlich cool finde, dass sie immer Jeans und flache Schuhe trägt, hat mir geantwortet, sie möchte eigentlich etwas öfter Röcke und Stöckelschuhe tragen. Möchte auch eine Frau sein. Eine Frau, wie sie sich diese Gesellschaft vorstellt.
Ich wäre übrigens sehr an Definitionsvorschlägen von Gerechtigkeit interessiert.
Sprache, Musik, Unterführungen
September 3, 2009 by gregorsemNach einer Reise nach St. Petersburg, zwei Nächten in einer Schlafstadt vor den Toren Moskaus sowie den ersten drei Tagen Wohnheim komme ich eigentlich immer noch nicht dazu, einen sinnvollen Eintrag in diesen Blog zu setzen. Um wenigstens am Rande der Völle des Sinnes entlangzudriften, seien hier ein paar Zeilen hingedrückt:
Mit Beginn der Universität merke ich, dass ich im Ausland bin. Die Professoren reden auf Russisch. Das ist schön für sie. Und für alle Leute, die entweder Russisch gut verstehen oder kein Interesse am Inhalt der Reden der Professoren haben. Ich zähle zu keiner der beiden Kategorien. Es warten einige zähe Stunden auf mich. Denn: wer kennt sie nicht, die langen Vorlesungen, die einfach kein Ende nehmen wollen. Wenn dazu noch das Gesprochene einfach keinen Sinn ergeben will, kann man sich ohne weiteres einen besseren Zeitvertreib vorstellen. Wenigstens sind die VWLer hier genauso begeistert von Mathe wie anderswo. Enstprechend viele universal verständliche Matheformeln tauchen auf den Powerpointpräsentationen auf, die schon den einen oder anderen Satz der Lehrenden für mich erhellt haben.
Viel verständlicher ist Musik. Musik, die am Straßenrand, bei Regen vorzugsweise in Straßenunterführungen praktiziert wird. Von der Solobassistin, übers Dudelsackduo, über die Trommler, die zwei Capueira-Tänzer begleiten, bis zur vierköpfigen Jazzband gibt es alles. Und meistens in guter Qualität! In Parks kann da richtig gute Atmosphäre aufkommen. Moskauer und St. Petersburger scheinen die hohen Preise von Getränken in Lokalen zu meiden, sondern treffen sich abends gerne an öffentlichen Plätzen (Brücken in St. Petersburg, irgendwo möglichst weit weg von abgasegetränkten Straßen in Moskau – Parks). Sie bringen in Plastiktüten große Flaschen Kwas (eine Art Malzbier), 1-Liter Dosen Bier oder die bekannten Flaschen Wodka mit. Meist auch Gläser. Dann wird bei einer Partie Schach geschwiegen oder ohne letztere geredet. Musiker, die in der Nähe musizieren, sind dabei sehr willkommen.
Die Straßenunterführungen sind übrigens sehr verbreitet. Denn Straßen sind breit, auf ihnen rasen im Affenzahn Autos herum, die wahrscheinlich versuchen, immer mindestens doppelt so schnell, wie das Tempolimit in Städten zu fahren, was 60 km/h beträgt. Mutig ist der Fußgänger – und etwas müde seines Lebens – der es wagt, den manchmal großen Umweg bis zur nächsten Unterführung abzukürzen und einfach so über die Straße zu rennen. Die Unterführungen beinhalten manchmal auch eine Metrostation, bzw. die Metrostation hat die Ausgänge so gelegt, dass sie an verschiedenen Straßenseiten herauskommen. In den Unterführungen mit Metrostation gibt es meist noch etwa 15 kleine Läden, die alle auf eine bestimmte Warenart spezialisiert sind. Arbeitsteilung?
Da gibt es den Bäcker, den Kosmetikladen, den Blumenverkäufer, das Zeitungskiosk, den Handykartenverkäufer (neuerdings mit Konkurrenz durch Automaten an denen man jetzt auch Handys aufladen kann), die Theaterkartenkasse etc. Meistens sehe ich übrigens Frauen in den Läden, auch wenn mich die deutsche Sprache und die durch Männer in Konventionen gedrückte Sprache dazu verleitet hat, vom Bäcker zu sprechen. Natürlich ist es auch keine Bäckerin, sondern eine Verkäuferin von Backwaren, die irgendwo anders in Massenproduktion hergestellt worden sind. Aber zu den oft herzhaften Backwaren später einmal.
Der Höhepunkt der Unterführungen und Musikdarbietungen für mich war eine Kombination aus beidem: ein virtuoser Geiger spielte traurige Weisen in einem futuristisch gehaltenen Tunnel, der zwei U-Bahnen miteinander verband. Die Klänge der Geige schallten weit in den Schacht und vermischten sich mit dem Untergrundrauschen, das tausende dahineilende Menschen erzeugen, die in beiden Richtungen sich durch den Tunnel drückten. Ich sah mit der Musik auf ihre traurigen, unfreundlichen Gesichter und es kribbelte mir im Rückenmark: wir laufen jeden Tag den gleichen Weg wie Nutztiere unterirdisch ohne Freude aber doch ohne Protest, ins Schicksal, das keines ist, gefügt. Tunnellauf, Arbeiten, Essen, Schlafen, Tunnellauf. Gruselig.